Mia die kleine Motormaus #5

Mia, eine kleine Maus in Lederjacke und Motorradhelm, schiebt gemeinsam mit ihrem Igel-Freund Ikarus ihre Motorräder über eine schmale, alte Holzbrücke. Unter ihnen rauscht ein Waldbach, während warmes Abendlicht durch die Bäume fällt.

Seit jenem Morgen, an dem sie Ikarus mit seinem platten Reifen gefunden hatte, war ihr der Gedanke geblieben: Manche Wege sehen nur so aus, als würden sie enden. Und heute wollte sie endlich herausfinden, wohin dieser eine wirklich führte.

„Zum Markt“, sagte Ikarus, als sie ihm davon erzählte. Er war seit jenem Tag ihr Freund geworden – und seit ihrem gemeinsamen Abenteuer am Berg fürchtete er sich vor keiner Reifenpanne mehr. „Meine Großmutter hat früher davon erzählt. Bunte Stände, Musik, Motorenlärm. Bevor man beschlossen hat, dass die Straße nicht wichtig genug ist.“

„Dann fahren wir hin“, sagte Mia.

Der Feldweg war schmaler, als beide erwartet hatten. Gras kitzelte an den Rädern, und zweimal mussten sie absteigen, um Äste zur Seite zu räumen. Aber Mias Motorrad kam gut zurecht – langsam, geduldig, so wie sie es mochte.

Nach einer Weile hörten sie ein Rauschen. Ein Bach hatte sich über den Weg gelegt, breiter als gedacht, mit einer schmalen Holzbrücke, deren Bretter morsch aussahen.

Ikarus blieb stehen. „Das trägt uns nicht.“

Mia kniete sich hin und klopfte gegen ein Brett. Es klang hohl an einer Stelle – fest an einer anderen.

„Nicht jedes Brett ist gleich schlecht“, sagte sie. „Herr Hopp hat mir mal gezeigt, wie man das hört.“

Sie klopfte sich Stück für Stück vor, bis sie wusste, wo sicherer Boden war. Dann legte sie ihre Werkzeugtasche als Markierung auf die guten Stellen, und gemeinsam schoben sie die Motorräder, Rad für Rad, genau dort entlang, wo das Holz noch hielt.

Auf der anderen Seite atmete Ikarus tief durch. „Das war knapp.“

„War es nicht“, sagte Mia und lächelte. „Wir haben nur genau hingehört.“

Kurz darauf öffnete sich der Weg – und vor ihnen lag der Markt.

Er war nicht bunt. Die Stände waren grau geworden, überwuchert von Efeu, die Dächer eingesunken. Aber mitten zwischen den verlassenen Buden saß eine alte Eule auf einer umgekippten Kiste und reparierte, ganz in Ruhe, eine kleine Laterne.

„Besucher“, sagte die Eule, ohne aufzusehen. „Das hatten wir lange nicht mehr.“

„Wir dachten, hier ist niemand mehr“, sagte Ikarus.

„Die meisten sind fortgezogen, als die Straße gesperrt wurde“, sagte die Eule. „Aber ich bleibe. Jemand muss sich ja um die Lichter kümmern – auch wenn niemand mehr kommt, um sie zu sehen.“

Mia sah sich um. Zwischen dem Efeu blitzten alte Girlanden, verrostete Zeichen, ein Karussell, das sich nicht mehr drehte.

„Vielleicht kommen wieder mehr“, sagte sie. „Der Weg ist nicht leicht, aber er ist da. Man muss nur genau hinsehen – und ein bisschen zuhören, wo er noch trägt.“

Die Eule blickte zum ersten Mal auf. In ihren Augen lag etwas, das aussah wie eine kleine Hoffnung, die lange geschlafen hatte.

Ikarus half der Eule, die Laterne fertig zu reparieren, während Mia den Girlanden das gröbste Efeu abnahm. Es war kein großes Fest. Aber als die Sonne tiefer stand und die eine Laterne zu leuchten begann, sah der Markt zum ersten Mal seit Jahren wieder ein wenig so aus, wie er einmal gewesen sein musste.

„Kommt wieder“, sagte die Eule beim Abschied. „Und bringt Freunde mit, wenn ihr mögt.“

Auf dem Rückweg über die Brücke – wieder genau dort, wo das Holz hielt – war Ikarus ungewöhnlich still.

„Was denkst du?“, fragte Mia.

„Ich denke“, sagte er, „dass ein Weg nicht verschwindet, nur weil ihn eine Weile niemand fährt.“

Mia nickte. Genau das hatte sie sich auch gedacht.

Sie setzten die Helme auf, und ihre Motorräder rollten zurück in Richtung der großen Straße – zwei kleine Lichter, so wie das eine, das sie hinter sich gelassen hatten.