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Trailbraking: Warum Profis auch in der Schräglage noch bremsen

Die meisten von uns haben es so gelernt: Vor der Kurve fertig bremsen, dann bremsfrei durch die Kurve, erst danach wieder Gas. Wer Rennfahrer oder erfahrene Instruktoren beobachtet, sieht aber oft etwas anderes: Sie bremsen noch, während sie bereits eingelenkt haben und in Schräglage liegen. Diese Technik nennt sich Trailbraking – und sie ist einer der Bausteine, die den Unterschied zwischen „sicher unterwegs“ und „wirklich souverän unterwegs“ ausmachen.

Was Trailbraking eigentlich bedeutet

Beim klassischen Bremsen („Point and Shoot“) ist die Bremsung vor dem Einlenkpunkt komplett abgeschlossen – man rollt dann bremsfrei durch die Kurve. Beim Trailbraking wird die Bremse dagegen noch bis in die Schräglage hinein „mitgezogen“ (englisch to trail – etwas hinter sich herziehen) und erst danach kontinuierlich gelöst, meist bis sie am Scheitelpunkt der Kurve ganz frei ist.

Entscheidend ist dabei nicht, ob man bremst, sondern wie: Der Bremsdruck wird nicht abrupt gehalten oder gelöst, sondern fein dosiert – mit zunehmender Schräglage nimmt der Bremsdruck kontinuierlich ab.

Die Physik dahinter: der Kamm’sche Kreis

Warum das funktioniert, lässt sich mit dem sogenannten Kamm’schen Kreis erklären, benannt nach dem Stuttgarter Ingenieur Wunibald Kamm. Er beschreibt, wie viel Kraft ein Reifen insgesamt übertragen kann – aufgeteilt zwischen Seitenführungskraft (die Kraft, die die Kurve „hält“) und Längskraft (Bremsen oder Beschleunigen). Beide teilen sich ein gemeinsames, begrenztes Haftungsbudget.

Wichtig dabei: Dieser Zusammenhang ist nicht linear. Solange nur etwa die Hälfte der maximal möglichen Seitenführungskraft benötigt wird, lässt sich noch ein großer Teil der Bremskraft nutzen – deutlich mehr, als man intuitiv annehmen würde. Erst bei größerer Schräglage kippt das Verhältnis: Dann bleibt nur noch sehr wenig Reserve für zusätzliche Bremskraft übrig, und schon eine kleine Unachtsamkeit reicht, um die Haftungsgrenze zu überschreiten.

Genau deshalb braucht Trailbraking ein feines Gefühl: Mit zunehmender Schräglage muss der Bremsdruck präzise zurückgenommen werden, weil der Reifen immer mehr seiner Haftung für die Seitenführung braucht.

Diagramm des Kamm'schen Kreises: Ein Kreis zeigt die maximale Reifenhaftung, aufgeteilt zwischen Kurvenkraft (senkrechte Achse) und Bremskraft (waagrechte Achse). Drei Vektoren veranschaulichen volle Schräglage ohne Bremse am Kreisrand, dosiertes Trailbraking innerhalb des Kreises als sicheren Bereich, sowie zu starkes Bremsen in Schräglage, dessen Vektor den Kreis verlässt und zum Grip-Verlust führt.

Warum sich der Aufwand lohnt

Richtig angewendet bringt Trailbraking mehrere Vorteile:

Der Bremspunkt kann später und flexibler gewählt werden, weil die Bremsung nicht zwingend vor dem Einlenken beendet sein muss. Die Gewichtsverlagerung nach vorne durch das Bremsen erhöht außerdem die Aufstandsfläche und damit den Grip am Vorderreifen – das Motorrad lenkt dadurch präziser ein. Und: Man behält länger die Kontrolle über Tempo und Linie, kann also auch noch mitten in der Kurve nachjustieren – etwa wenn sich der Radius unerwartet verengt oder ein Hindernis auftaucht.

Gerade dieser letzte Punkt ist auch für den Alltag auf der Straße relevant, nicht nur für die Rennstrecke: Wer trailbraken kann, muss bei einer überraschenden Situation in der Kurve nicht erst aufrichten und dann in Panik voll bremsen, sondern kann kontrolliert nachbremsen, ohne die Linie komplett zu verlassen.

Das Risiko: der Vorderradrutscher

Der ganz überwiegende Teil der Stürze beim Trailbraking entsteht durch zu viel oder zu ruckartig aufgebauten Bremsdruck bei bereits bestehender Schräglage. Verlässt die resultierende Kraft den Grip-Spielraum des Reifens, verliert das Vorderrad die Seitenführung: Die Linie wird zunächst breiter, das Motorrad „schiebt“ kurz Richtung Kurvenaußenseite, weil die Kurvenkraft fehlt. Bricht der Grip dann vollständig weg, kann die Schräglage nicht mehr gehalten werden, und das Motorrad kippt weiter in sie hinein – der klassische Low-Side-Sturz, bei dem Fahrer und Maschine zur Kurveninnenseite hin kippen.

Das bedeutet nicht, dass Trailbraking gefährlich ist – es bedeutet, dass es Übung braucht. Bremsgefühl ist eine erlernbare Fähigkeit: das Erkennen, wie sich die Lastübertragung am Bremshebel anfühlt, und wie exakt die Bremse des eigenen Motorrads auf feine Dosierung reagiert. Genau das lässt sich am besten unter kontrollierten Bedingungen trainieren – auf einem Trainingsgelände, nicht beim ersten Versuch auf der Passstraße.

Wie man anfängt

Für den Einstieg gilt: klein anfangen. Zunächst mit wenig Schräglage und sehr sanftem, dosiertem Bremsdruck ausprobieren, vorwiegend mit der Vorderradbremse. Der Bremsdruck sollte dabei nie abrupt aufgebaut oder gelöst werden – beides kann die Haftung überraschend kippen lassen. Am wichtigsten ist, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie sich das eigene Motorrad in Schräglage unter Bremslast anfühlt, bevor man das Ganze auf der Straße einsetzt.

Trailbraking ist also kein Trick für die Rennstrecke allein, sondern eine Fähigkeit, die auch auf der Landstraße mehr Sicherheitsreserve schafft – vorausgesetzt, man hat sie sich in Ruhe erarbeitet.

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